Am Puls der Zeit

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Am Puls der Zeit

Am Puls der Zeit: Kollegium der Gesamtschule Aachen-Brand bildet sich zum Thema digitale Medien fort

Führende SozialwissenschaftlerInnen wie Andreas Reckwitz, Autor der preisgekrönten und vielbeachteten Studie Die Gesellschaft der Singularitäten (2017), erklären die Digitalisierung der Medien zur treibenden Kraft der tiefgreifenden Umwälzungen, die derzeit unsere spätmoderne Gesellschaft erfassen. Nie zuvor hat es eine universale technische Infrastruktur gegeben, die Schrift, Bild, Ton und Musik gleichzeitig beherrscht und massenhaft zu verbreiten in der Lage ist. Während bis in die 1970er Jahre in den analogen Leitmedien wie Zeitung, Rundfunk oder Fernsehen wenige Autoren ein rein rezipierendes Massenpublikum mit (meist) sachlichen Informationen versorgten, werden im digitalen Internetzeitalter immer mehr Menschen selbst zu Produzenten, die sich mit Blogs, Kurzrezensionen und selbstgedrehten YouTube-Videos an ein vielschichtiges und unübersichtliches, potenziell weltweites Publikum wenden. Dabei lässt sich laut Reckwitz oft ein Hang zur Emotionalisierung, Zuspitzung und Betonung des Außergewöhnlichen – eben des „Singulären“ – feststellen, die gewissermaßen zu Lasten des Alltäglichen, Durchschnittlichen und Standardisierten geht.

Diese mit Vor- und Nachteilen behafteten Veränderungen erfassen natürlich auch unsere Schülerinnen und Schüler. Folgerichtig konfrontierte Prof. Kommer auf der Kollegiumsinternen Lehrerfortbildung (kurz KILF) am 15. Januar 2020 die versammelten Lehrkräfte in seinem einführenden Impulsvortrag mit zahlreichen jüngeren Entwicklungen auf dem Gebiet der Medienevolution und -nutzung, die insbesondere in Bezug auf schulisches Lernen und Unterrichten von Belang sind. Erklärvideos auf YouTube etwa sind mittlerweile unter Jugendlichen sehr beliebt und werden ergänzend zum Unterricht konsumiert. Überhaupt gibt es in der digitalen Gesellschaft bereits zahlreiche außerschulische Lernmärkte und Lernorte, die eine ganz eigene Dynamik entfalten und die Lernumwelten der altehrwürdigen Klassenzimmer auf vielfache Weise ergänzen. Facebook ist dagegen unter Jugendlichen als soziales Medium schon wieder out, stattdessen wird eifrig auf Instagram oder WhatsApp gepostet, gelesen und kommentiert. So oder so, die Jugendlichen kommunizieren auch nach der Schule über die Schule und sind ständig über die technische Infrastruktur miteinander verbunden.

Trotz intensiver Nutzung der digitalen Medien, so Prof. Kommer, erreichen ganze zehn Prozent der Jugendlichen lediglich die niedrigste Medienkompetenzstufe I. Eine niedrige Medienkompetenz erhöht das Risiko, emotional aufgeladene Fake News oder gar sorgsam inszenierte Deep Fakes, deren Fabrikation im digitalen Zeitalter nur noch wenig Aufwand voraussetzt, mit seriösen Informationen zu verwechseln. Nicht zuletzt an diesem Punkt, also bei der kritischen Überprüfung der Relevanz der heutzutage im Überfluss verfügbaren Informationen, gilt es, im Unterricht den Hebel anzusetzen. Schließlich wird die kritische Evaluation von Informationen laut Prof. Kommer im Medienkompetenzmodell des Erziehungswissenschaftlers Dieter Baacke, aber auch in anderen medienpädagogischen Theorien, zu den Grundpfeilern einer bewussten und selbstreflektierten Mediennutzung gerechnet.

Glücklicherweise konnten sich die Lehrkräfte nach Prof. Kommers anregendem Impulsvortrag in diversen Workshops zum Umgang mit digitalen Medien und den dort präsentierten Inhalten im Unterricht fortbilden und dabei einige der angerissenen Probleme eingehender thematisieren, als dies im Plenum möglich war. Besonders vorteilhaft war, dass die KollegInnen je nach Bedarf die passenden Workshops auswählen konnten, sodass von vornherein ein Bezug zur konkreten Unterrichtspraxis gewährleistet war. Wie geht man beispielsweise vor, wenn man im Unterricht ein eigenes Erklärvideo herstellen möchte? Wie kann der Datentransfer zwischen Endgeräten erfolgreich gestaltet werden, die unterschiedliche Betriebssysteme verwenden? Welche Funktionen stehen den Lehrkräften in den EDV-Räumen zur Gestaltung des Unterrichts zur Verfügung?

Wundern Sie sich also nicht, wenn ihre Kinder fortan häufiger von iPads, auf Ucloud hochgeladenen Unterrichtsmaterialien oder von mit dem 3D-Drucker hergestellten Gegenständen berichten, wenn sie aus der Schule nach Hause kommen. Denn über solche Dinge wissen die Lehrerinnen und Lehrer der Gesamtschule Aachen-Brand nun einiges mehr.

Text: Dr. Dominic Berlemann

Von | 2020-01-22T11:09:17+01:00 22. Januar 2020|Kategorien: Aktuelles|